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Louisiana, Schmelztiegel der Kulturen

Louisiana, Schmelztiegel der Kulturen

Emmanuelle Jary - 27-12-2010

Die französische Kultur ist in Louisiana noch in vielen Bereichen spürbar. In der Küche des Bundesstaats vereint sich das französische Erbe mit spanischen, deutschen, kreolischen, karibischen und indianischen Einflüssen. Lecker, spannend und nicht selten überraschend: Fusion-Küche schon vor der eigentlichen Erfindung des Wortes.

Wo viele Spuren nach Frankreich führen …
Dem französischen Erbe begegnet man in Louisiana praktisch auf Schritt und Tritt, in Form von Städtenamen wie Lafayette, Baton Rouge oder New Orleans, Familiennamen wie Thibodeaux, Leblanc oder Prudhomme, und traditionellen französischen Gerichten auf der Basis von Aal, Grattons, Presskopf oder Fischsud. Die französischen Touristen genießen es natürlich besonders, dass sie sich in diesem kleinen Stück Amerika wie zu Hause fühlen dürfen. Manchmal mutet die allgegenwärtige Präsenz der französischen Kultur hier in diesem Teil des amerikanischen Kontinents, dem Cajun-Country, fast schon surrealistisch an. Eine merkwürdige Laune der Geschichte scheint hier am Werk gewesen zu sein. Franzosen sind – auch das macht Louisiana für sie zu einem attraktiven Reiseziel – hier gern gesehen. Im Petit Paris Café wurden wir von einer Tischnachbarin mit jener typisch amerikanischen Offenheit angesprochen, die einem das Gefühl gibt, man habe es mit alten Bekannten zu tun. Der Austausch beginnt, wie überall in der Welt, mit der Frage: „Wo kommen Sie her?“ Antwort: „Aus Frankreich“. „Oh, fan-tas-tic, und woher genau?“ „Aus Paris“. Etwas verwundert waren wir schon, als die Dame daraufhin aufsprang, uns die Hände schüttelte und der gesamten Gesellschaft lautstark mitteilte: „Oh my god, die Leute kommen aus Paris!“. Auch damit muss man als Franzose in Louisiana rechnen.
 
Wir waren im Petit Paris Café mit Brenda verabredet, die sich in der kleinen Ortschaft Saint Martinville um den Tourismus kümmert. Sie spricht fließend französisch und erzählte uns von vergangenen Zeiten, während wir uns ein paar köstliche Krapfen schmecken ließen, die ganz offensichtlich mit unseren französischen „bugnes“ (ein traditionelles südfranzösisches Schmalgebäck) verwandt sind. Brendas typischer Akzent und ihre zuweilen recht eigentümliche Ausdrucksweise (viele der Wörter, die sie verwendet, sind dem heutigen Sprachgebrauch eines Franzosen eher fremd) versetzen den Zuhörer in vergangene Jahrhunderte zurück. Ein überraschender Spiegel von Zeiten und Welten.
 
Heute sprechen die verbleibenden 6 % der frankophonen Einwohner des Staates Louisiana ebenso gut englisch wie französisch. Ihre Vorfahren, die „Cajuns“, waren mit der englischen Sprache weniger vertraut. So auch die Familie von Norbert Leblanc, der im Bayou aufgewachsen ist und mit seinen Eltern ausschließlich französisch sprach. Im Morgengrauen begaben wir uns mit diesem eingefleischten Naturfreund auf Erforschungstour entlang des Bayou Teche. Riesige, zum Teil tausendjährige Sumpfzypressen spiegeln sich im fruchtbaren Wasser und auch auf die Begegnung mit einem Alligator muss man gefasst sein. Die Tier- und Pflanzenwelt der Bayous ist beeindruckend und ihr Artenreichtum bildete über Jahrhunderte hinweg die Lebensgrundlage der Bewohner dieser Sümpfe: Gegrilltes Alligatorfleisch, Schildkrötensuppe, frittierte Froschschenkel sowie Schalentiere, insbesondere die berühmten Austern und Flusskrebse der Mündung des Atchafalaya River. Doch auch die Jagd nach Rehen war hier weit verbreitet.
 
World-Cuisine
Von anderen amerikanischen Staaten unterscheidet sich Louisiana auch durch seinen kulinarischen Reichtum. Die bunte, facettenreiche Küche ist ein Spiegel der ethnischen Gruppen, die in diesem Schmelztiegel aufeinander trafen: Inder, Afrikaner – Sklaven und deren Nachkommen – Spanier, Deutsche, Cajuns und Kreolen unterschiedlicher Herkunft. So entstanden schmackhafte und überraschende Kombinationen wie Sandwichs mit geräuchertem Fleisch im osteuropäischen Stil, verfeinert mit einer scharfen Soße von den Antillen. Oder Jambalaya, eine Art kreolische Paella auf der Grundlage von Reis mit Schalentieren oder Fleisch, das Ganze gewürzt mit ein wenig Filépulver, das aus den Blättern des in Louisiana heimischen Sassafrasbaum gewonnen wird – denn natürlich trägt auch die unmittelbare Umwelt zur kulinarischen Vielfalt bei.
 
Würstchen wie man sie aus Deutschland kennt gehen ebenso in die Zubereitung des Gumbo ein wie diverse Meeresfrüchte. Erst dann kompliziert sich die Sache: Es gibt Gumbo in einer kreolischen Form, d.h. mit Tomate und scharfen Gewürzen, und in einer Cajun-Variante, deren Grundlage eine dunkelbraune Mehlschwitze bildet. Der Name dieses Gerichts leitet sich von der von den Sklaven aus Afrika eingeführten Okraschote („Gombo“) ab, die die Kreolen bei der Zubereitung dieses Gerichts verwenden.
 
Kreole oder Cajun?
In kulinarischer Hinsicht lässt sich in der Regel recht gut zwischen kreolischen Speisen und Cajun-Rezepten unterscheiden. Bei der Definition dessen, was genau ein Kreole ist, scheiden sich jedoch die die Geister. Für die einen handelt es sich um eine Art Mischung aus Spaniern und Franzosen, andere wiederum differenzieren zwischen Weißen Kreolen, d.h. in Louisiana geborene Nachfahren europäischer Einwanderer, und Schwarzen Kreolen, bei denen es sich um Nachfahren von in Louisiana geborenen, nicht aus Afrika eingewanderten Sklaven handelt. Oftmals wird der Begriff allerdings auch auf alle Eingewanderten angewendet, ganz gleich ob es sich um ehemalige Spanier, Franzosen oder Afrikaner handelt.
 
Die Identität eines Cajun ist leichter zu definieren. Als Cajun bezeichnet man jene ursprünglich aus dem Poitou und der Normandie stammenden Franzosen, die Anfang des 17. Jh. in der Hoffnung auf ein besseres Leben nach Akadien (östliches Kanada) ausgewandert waren. Im Zuge des britisch-französischen Krieges wurden sie vertrieben und siedelten sich in einem Gebiet an, das 1682 von Frankreich kolonialisiert und zu Ehren König Ludwigs XIV. Louisiana getauft worden war. Aus den „Acadiens“ wurden zunächst die „Cadiens“ und schließlich die „Cajuns“. Um 1800 siedelten sich weitere Akadier, die zuvor nach Saint-Pierre und Miquelon oder Haiti geflüchtet waren, ebenfalls in Louisiana an, als dieses Gebiet, das vorübergehend an Spanien abgetreten worden war, erneut in französischen Besitz überging – allerdings nur für 3 Jahre, dann nämlich verkaufte Napoléon die französische Kolonie Louisiana an die Vereinigten Staaten.
 
„Down in New Orleans!“
Ein halbes Jahrhundert später wurde New Orleans die Hauptstadt des Bundesstaates Louisiana. Die Anfang des 18. Jh. von den Franzosen gegründete Stadt ist heute berühmt für ihr French quarter und natürlich für ihren typischen Jazz. Am Sonntag beleben sich die Straßen mit Musikern oder a capella Sängern und in den Kneipen der Stadt wird schon am Morgen jede Menge Bloody Mary serviert, ein Klassiker zum Sonntagsbrunch. Das ganze French quarter strahlt eine wunderbare Lebenslust aus. Man sagt von den Einwohnern Louisianas, sie seien die glücklichsten des ganzen Landes. Ihre Devise „Laissez le bon temps rouler“ (Lass die guten Zeiten rollen) spricht für sich. 
 
 
PRAKTISCHE HINWEISE
 
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