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Sankt Moritz  

Reportage

Die Sonne von Sankt-Moritz

CH - Sankt Moritz
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Emmanuel Tresmontant - 18-12-2009

St. Moritz, in drei Autostunden von München oder Mailand aus zu erreichen, gehört mit Zermatt, Gstaad und Davos zu den berühmtesten Wintersportorten der Schweiz.

Man besucht den Ort nicht in erster Linie wegen des überall zur Schau gestellten Luxus, sondern wegen seiner 322 Sonnentage pro Jahr und der Schönheit der Oberengadiner Landschaften. Sportler kommen dort genauso auf ihre Kosten wie nachdenkliche Naturen. Und erstaunlicherweise muss eine Reise dorthin nicht unbedingt den finanziellen Ruin bedeuten.
 
Pariser Chic – aber erschwinglich!

Auf den ersten Blick wirkt Sankt-Moritz – französisch Saint-Moritz, italienisch San Maurizio, rätoromanisch* San Murezzan – wie ein Konzentrat der französischen Luxuseinkaufsstraße Avenue Montaigne, angesiedelt am Fuß des Piz Nair. In 1856 m Höhe erleuchten die Boutiquen von Dior, Chanel, Hermès, Cartier, Bulgari und Versace die Hauptstraße, und reihenweise stehen Rolls-Royce vor dem Badrutt’s Palace Hotel, das von kräftig gebauten Portiers in Livrée überwacht wird. Palace… mit allem, was dazugehört, Kurbad, Kasino und Polo auf dem zugefrorenen See. Seit einem Jahrhundert macht die Klientel von St. Moritz ohne Komplexe ihre Zugehörigkeit zu den „besseren Kreisen der Gesellschaft“ geltend. Zum Glück beschränkt sich der Ort aber nicht auf solche Klischees. Aus seiner Geschichte heraus, mit seinem Charme und seiner Offenheit sind ihm auch Reisende willkommen, die in erster Linie das Engadin kennen lernen wollen … zu einem erschwinglichen Preis.
 
Unterbringungstipps für St. Moritz und Umgebung
 
Das Hotel Stille liegt, für Skifahrer ideal, ganz nahe an den Skiabfahrten von St. Moritz, mit Blick auf die Berge, den Wald und die Seen. Zimmer mit allem Komfort ab 75 CHF (47 €).
Das Chesa Rosatsch Swiss Quality Hotel liegt im alten Teil des Dorfes von Celerina, 3 km von St-Moritz entfernt. Ein charmantes, komfortables Hotel mit Sicht auf eine idyllische Berglandschaft, das in einem historischen Gebäude aus dem 17. Jh. untergebracht ist und Zimmer ab 102 CHF (63,50 €) bietet.
Das Hôtel Donatz in Samedan, 5 km von St. Moritz entfernt, ist ein Familienbetrieb, der seit 35 Jahren besteht und drei Sterne trägt. Herzlicher Empfang und geräumige Zimmer. Ab 95 CHF (60 €).
Einfacher gibt sich das Hôtel Bellevue Garni, ebenfalls in Samedan gelegen und ideales Etappenziel für Reisende, die das Engadin auf dem Weg zum Comer See in Italien passieren. Zimmer ab 44 CHF (27 €), üppiges Schweizer Frühstück inbegriffen.
 
Ursprünglich war St. Moritz für die Heilwirkung seiner eisenhaltigen Quellen bekannt und begann ab 1864, sich als Wintersportort zu entwickeln. Aus Schottland reisen erste Skifahrer, Schlittschuhläufer und Curlingspieler an, denen der gefrorene See zusagt, und bald wird der Wintersportort zu einem erstrangigen mondänen Treffpunkt für ganz Europa, der umso heller strahlt, als hier 1878 erstmals in der Schweiz elektrisches Licht installiert wird. 1882 finden die ersten europäischen Eislaufmeisterschaften statt. 1890 baut der Hufschmied Christian Mathis die ersten Bobs, während die erste Natureisbahn für Bobs angelegt wird, die von St. Moritz nach Celerina führt. Auf der 1 595 m lange Strecke, auf der 2er oder 4er Bobs noch heute 140 km/h erreichen, wird 2007 die Weltmeisterschaft ausgetragen. In St. Moritz wird 1927 die erste Skischule der Welt gegründet. Seine Weihen erhält der Wintersportort, als hier 1928 und 1948 die Olympischen Winterspiele und 1934, 1948, 1974 und 2003 die Alpinen Skiweltmeisterschaften ausgetragen werden.
 
Der höher gelegene Teil von St. Moritz (St. Moritz-Dorf) überragt einen See, dessen ruhiger Rundweg, gesäumt von Wald, zu einem herrlichen Spaziergang einlädt, der etwa eine Stunde dauert. Besonders zu empfehlen ist im Winter die Zeit zwischen 11 und 16 Uhr, wenn der südöstlich ausgerichtet Platz von der Sonne bestrahlt wird. Vorsicht, der Schnee reflektiert das Sonnenlicht in St. Moritz (dessen Symbol die Sonne ist) derartig stark, das es dort im Winter Fälle von Sonnenstich gibt! Ab Januar wird der gefrorene, schneebedeckte See zum Schauplatz verschiedenster spektakulärer Rennen, ob nun um Pferderennen, Windhundrennen oder Skijöring (bei dem ein Skifahrer von einem berittenen Pferd gezogen wird). Nicht zu vergessen die Polo-Turniere auf Schnee (Polo ist der älteste Mannschaftssport der Welt) und die Kricket-Turniere auf Schnee (das erste Turnier auf dem gefrorenen See fand hier 1989 statt).
Um die schönsten Gebäude der Stadt zu bewundern, müssen sie in ihren oberen Teil hinaufsteigen, wo sich auch die Seilbahnstation befindet. Sehenswert ist insbesondere das erstaunliche Apartmenthaus Chesa Futura, das der englische Architekt Lord Norman Forster 2003 ganz aus Holz erbaute. Seine runden Formen, die 10 Luxuswohnungen Raum geben (darunter die von Forster) kontrastieren mit der traditionellen Architektur der Schweizer Berghäuser, die es umgeben.

Skigebiet
Mit seinen 350 km Skipisten um den Piz Nair herum ist das Skigebiet von Saint-Moritz eher ein Ort, um zum Vergnügen oder mit der Familie Ski zu fahren. Man kennt die Pisten ziemlich schnell, aber sie sind gut gepflegt, Schnee ist normalerweise reichlich vorhanden und auch die Lifts lassen nichts zu wünschen übrig. Vor allem jedoch befindet man sich inmitten einer traumhaften Landschaft hoch über dem Tal, in dem der St. Moritz See funkelt. Von St. Moritz aus erreicht man das Gebiet mit der Seilbahn, die ihre Insassen in 30 Minuten in das 2 486 hoch gelegene Corviglia bringt. Direkt unter der Seilbahn befindet sich der Skiverleih Corvatsch Ski. Wir raten Ihnen, nach sich nicht gleich nach Ihrer Ankunft an die Erkundung der Abfahrten zu machen, sondern erst einmal ihrer Skier abzustellen (bis heute ist hier noch nie ein Diebstahl aktenkundig geworden!) und die Luftseilbahn zu nehmen, mit der Sie in 20 Minuten auf den 3 057 m hohen Piz Nair gelangen. Dort bietet Ihnen eine Terrasse einen herrlichen Rundblick über die Gipfel der Bernina und die 25 Seen des Oberengadin.
 
In freiem Fall!

In Corviglia, unter der Luftseilbahn des Piz Nair, verläuft die legendäre Männerabfahrtspiste, die für die 4. alpine Skiweltmeisterschaft 2003 angelegt wurde – ihr Starthang ist der steilste und längste der Welt, dessen Gefälle auf den ersten Metern 45 Grad beträgt. In weniger als 7 Sekunden erreicht der Abfahrer eine Geschwindigkeit von mehr als 130 km/h!
 
Auf den Spuren Nietzsches
Zwischen St. Moritz und dem Malojapass (der die Grenze zu Italien markiert) durchquert eine wunderschöne Straße das Tal, die an den Seen von Champfèr, Silvaplana und Sils vorbeiführt und gleichzeitig einen Blick auf die verschneiten Gipfel mit den romanischen Namen bietet, wie Piz Julier, Piz Lagrev, Piz Gravasalda, Piz Surlèj und vor allem auf den Piz Corvatsch, Ausgangspunkt herrlicher Pisten mit viel Schnee. Die Seen, die die Reinheit des Engadiner Himmels widerspiegeln, sind in Sils saphirfarben und leuchten in Silvaplana türkis. Die Berghänge sind mit Tannen und Lärchen bestanden, und die Landschaft, wechselhaft wie die Zeit, wechselt innerhalb einer Stunde von Strenge zu Grazie, von strahlendem Sonnenschein zu grauem Dunst.
 
Hier verbrachte Friedrich Nietzsche, nachdem er aus Gesundheitsgründen seine Lehrtätigkeit an der Universität Basel aufgegeben hatte, von 1881 bis 1888 sieben Sommer. Das trockene Klima und das Licht des Engadin begünstigten das Schaffen des Philosophen, der sich im blumenreichen Dorf Sils Maria niederließ, „dem lieblichsten Winkel der Erde“. Da er sehr lärmempfindlich war, bezog er ein kleines Zimmer mit einem den Bergen zugewandten Fenster, in dem er seine schönsten Bücher schrieb: Jenseits von Gut und Böse, Also sprach Zarathoustra, Ecce Homo … Dieses Haus, das kleinste des Dorfes, ist heute ein Nietzsche-Museum (geöffnet ab 15 Uhr). Wer den Spuren Nietzsches folgen will, kann dem Gasthaus Edelweiss, in dem der Philosoph zu essen pflegte, einen Besuch abstatten, die Hänge emporsteigen, die den See säumen oder das Fextal aufsuchen, um das sich sonnenbeschienene Gipfel wie ein Amphitheater erheben. Der Lieblingsplatz des Denkers war eine Lichtung nahe am Abgrund, über dem Wildbach Fex, an dem er sich gern seinen Gedanken überließ. Im August 1881 hatte Nietzsche, als er am See von Silvaplana entlangging, in Surlèj die „Erleuchtung“ von der ewigen Wiederkehr, nahe an einem gewaltigen Felsblock in Pyramidenform, der heute seinem Gedächtnis gewidmet ist.
 
Gastronomie

3 km von St. Moritz entfernt im Dorf Champfer empfängt der große Küchenchef der Region Jöhris Talvo seine Gäste in einer geschmackvoll restaurierten Herberge aus dem17. Jh. (zwei Michelin-Sterne). Leider konnten wir seine einfallsreiche Küche auf unserer Reise nicht probieren, aber sein warmer Hummersalat mit altem Balsamico-Essig scheint ein Gedicht zu sein. (Mahlzeiten ab 98 CHF: 61 €).
 
In St. Moritz selbst kann man, ohne seinen Geldbeutel zu ruinieren, im Restaurant Hauser essen, das sich mitten im Ort befindet. Es bietet vor allem regionale Spezialitäten, die von der Küche des Piemont beeinflusst sind, wie gegrillte Polenta mit Käse und Tomaten (15 CHF : 9,50 €). Die vor 50 Jahren gegründete Konditorei Hauser, die auch dem danebenliegenden Restaurant ihren Namen gab, ist vor allem für ihre Schokoladentrüffel und ihren hausgemachten Nusskuchen bekannt. Am Eingang der Konditorei fließt den ganzen Tag eine Schokoladenquelle, in die man dem Brauch zufolge eine Waffel tunkt, während man wartet.
 
Liebhaber von Bündnerfleisch sollten das Feinkostgeschäft Hatecke aufsuchen. Bündnerfleisch ist Rindfleisch, das einige Woche lang mit Pökelsalz, Alpenkräutern und einer Gewürzmischung eingelegt wird, deren Zusammensetzung geheim gehalten wird. Die Fleischscheiben werden dann in Netze eingebunden und in der reinen Luft der Graubündner Wälder getrocknet. Hatecke bietet auch nach demselben Verfahren zubereitetes Fleisch von Reh, Kalb, Lamm, Hirsch und Schwein an.
 
Am Ausgang der Seilbahn in Corviglia kann man im Restaurant La marmite angenehm im Skianzug und mit einem herrlichen Blick auf die Pisten zu Mittag essen. Küchenchef Reto Mathis, der aus St. Moritz stammt, hat uns ein Menu serviert, das Akzente aus Frankreich, Asien und dem Piemont vereint! Seine Entenstopfleberterrine mit Feigen und asiatischem Apfel ist mit Bündnerfleisch mit Portwein in Gelee garniert. Seine Polenta mit Pilzen begleitet ein zartes, bei niedrigen Temperaturen gebratenes Rinderfilet, das mit Kräutern aus dem Tal gewürzt ist. Was das Dessert angeht, so kann man sich danach unbeschwert wieder die Skier anschnallen, denn es handelt sich um einen luftig-zarten Tiramisu mit Himbeeren und Karamell. (Ab 32 CHF: 20 €)
 
Eine der größten Whiskybars der Welt!
Selbst wenn Single Malt für Sie ein Fremdwort ist, sollten Sie einen Spaziergang zum Hotel Waldhaus am See, machen, das am See von St. Moritz liegt. Sein Besitzer Claudio Bernasconi beschloss dort vor 22 Jahren, als gerade er aus Indien zurückgekommen war, wo er sich in Ermangelung von Trinkwasser die Zähne mit Whisky putzen musste, eine der schönsten Whiskysammlungen der Welt aufzubauen … Seine Bar, das Devil’s Place, steht heute mit seinen über 2 5000 Sorten im Guiness-Buch der Rekorde. Zum Bestand gehören einige absolute Seltenheiten, wie der Macallan 1878 (7 000 € die Flasche) und dem Johny Walker Blue Label 1805 (15 000 €) … Von 2 € bis 5 000 € pro Glas können Sie in aller Ruhe Herrlichkeiten kosten wie die göttlichen Single Malts aus Japan (probieren Sie z.B. den Yoichi 1987 mit Gewürznoten und kandierten Zitrusfrüchten) oder den prachtvollen Bowmore 1970 (den Lieblingswhisky von Claudio Bernasconi) mit bernsteinfarbener Robe und Aromen von Trockenobst, Weintraube und Schokolade. Die Bar hat von 16 Uhr bis Mitternacht geöffnet.
 
Als wir den kleinen Zug nahmen, der von Chur nach  St. Moritz fährt, hören wir zum ersten Mal Rätoromanisch, eine kaum bekannte Sprache. Das raue, gutturale Schwyzerdütsch machte einer romanischen Sprache Platz, die für uns vertrauter klangt: „Tuot ils viagiatuors vegnan gravüschos da sortir dal tren.“ (Alle Reisenden werden gebeten, auszusteigen). Eine Art italienisch mit französischem Einschlag!
 
Praktische Hinweise
 
 
Anreise
Mit dem Flugzeug von Paris nach Zürich (1 Std. 15 min) und dann mit dem Zug über Chur nach St. Moritz via Chur (3 Std. 30 min)
 
Nach Sils (11 km von St. Moritz entfernt): Buslinie 4, die einmal stündlich am Bahnhof abfährt.
 
Reto Mathis 
 
Hotel Waldhaus am See
 
 
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