Emmanuel Tresmontant - 10-12-2010
Frisch, lebendig und klar strukturiert: Ein Champagner ohne Dosage ist ein festlicher Begleiter, der seinen Platz in verschiedensten Akkorden findet. David Biraud und Antoine Pétrus, die beiden berühmten Sommeliers des Hôtel Crillon in Paris, waren bereit, für uns eine kleine Auswahl erstklassiger, extra-trockener Champagner zu verkosten und zu kommentieren.
Extra-Brut: die Quintessenz des Champagners?
Bei einem undosierten oder schwach dosierten Champagner, d.h. einem Champagner mit einem Restzuckergehalt von 0 g bis 6 g pro Liter, genießt man den Schaumwein in Reinform, d.h. so, wie ihn der Winzer ursprünglich gekeltert hat. Während man durch das Hinzufügen von Zucker (Dosage) oftmals gewisse Mängel des Weines auszugleichen sucht (insbesondere die unzulängliche Reife der Trauben), wird beim undosierten Champagner nichts kaschiert. So drückt dieser mehr als jeder andere das kreidige Terroir aus, auf dem er wächst, sowie die Arbeit und Sorgfalt, die ihm von Seiten des Winzers zuteil wurde. Gleichzeitig ist der Verzicht auf Zucker natürlich auch ein Risiko für den Winzer, der sich sicher sein muss, ein perfektes Ausgangsprodukt hervorgebracht zu haben. Der kleinste Fehler wäre fatal.
Die Dosage von Champagnern der Kategorie „Brut“ (trocken), die bei 6 g bis 12 g Zucker pro Liter liegt, hat jedoch gleichfalls eine lange Tradition, die wir hier keineswegs herabwürdigen wollen. Sie verleiht dem Champagner Fülle und Geschmeidigkeit und macht ihn „zugänglicher“.
Für die beiden Sommeliers des Hôtel Crillon, David Biraud und Antoine Pétrus, ist der „Brut“ ein Champagner, der jeden Geschmack trifft und von allen gern getrunken wird. Wer auf der Suche nach besonderen Trinkerlebnissen ist, sollte jedoch nicht zögern, sich in die Welt des „Extra-brut“ vorzuwagen. Als Aperitif öffnet seine Frische und Lebhaftigkeit den Appetit und als Begleiter eines Mahls bietet er mehr Möglichkeiten der Wein-Speisen-Kombination als weniger trockene Schaumweine, da seine Perlen feiner und seine Aromen klarer ziseliert sind.
Die Champagner, die wir Ihnen im Folgenden vorstellen, wurden um 10.30 Uhr morgens verkostet, mit einer Temperatur von 10 C (servieren Sie einen Champagner nie eisgekühlt!). Die Auswahl hätte natürlich etwas umfangreicher sein können, aber Sie finden hier immerhin einen guten Einstieg in die Materie, um sich mit dem besonderen Charme des extra-trockenen Champagners vertraut zu machen. Wenn Sie danach Lust auf mehr bekommen, sollten Sie es mit den ebenfalls ausgezeichneten Champagnern der Häuser Tarlant im Tal der Marne, Benoît Lahaye auf der Montagne de Reims und Jacques Lassaigne in Montgueux versuchen.
Larmendier-Bernier: Blanc de blanc premier cru.
Pierre Larmendier-Bernier, der seit 1988 in Vertus ein Weingut betreibt, ist einer der großen Winzer der Côte des Blancs und einer der wenigen, der in der Champagne beim Weinbau auf chemische Produkte verzichtet. Ausgehend von der Maxime „Alles beginnt im Weinberg“ baut er seinen Wein streng nach biodynamischen Prinzipien an. Seinen sehr intensiven extra-trockenen Rosé-Champagner baut er nicht in herkömmlichen Fässern aus, sondern in „Weineiern“ aus Beton, und erzielt dabei eine Konzentration, die den Umweg lohnt.
Der Champagner, den wir für Sie ausgewählt haben, ist sein Blanc de blanc premier cru mit einer Dosage von 4 g/L, gekeltert aus Chardonnay-Trauben der Lagen Avize, Oger, Cramant und Vertus.
David Biraud: „Dieser Champagner besitzt eine schöne blassgelbe Farbe mit silbernem Schimmer. Die Bläschen sind sehr fein. Man findet sie auch im Mund wieder, was beweist, dass die Flaschengärung optimal erfolgt ist. Bei den Aromen ist die mineralische Komponente vorherrschend: Wir sind hier nicht im Register Brioche und Biskuit.“
Antoine Pétrus: „Ein Gastronomie-Champagner mit einem echten weinigen Hintergrund. Ich stelle ihn mir sehr schön vor zu einem Gericht wie gebratene Langustinen mit Fenchelconfit, oder zu einem Petersfisch nach Müllerinnen Art mit Karotten.“ Ein gradliniger, klarer, reiner und eleganter Champagner.
29 € die Flasche.
Jacquesson Cuvée 734.
Das Champagnerhaus Jacquesson ist ein unabhängiger Familienbetrieb mit 31 Hektar Rebfläche, die sich auf zwei verschiedene Weinbauregionen der Champagne verteilt: Grande Vallée de la Marne und Côte des Blancs. Laurent und Jean-Hervé Chiquet, die den Betrieb seit 1988 leiten, betreiben integrierten Weinbau, der das hohe Potential der Lagen Avize, Aÿ und Dizy unterstreicht.
Die hier verkostete Cuvée mit einer Dosage von 3,5 g/L stammt überwiegend von der Ernte des Jahres 2006. Sie setzt sich aus 54 % Chardonnay, 26 % Pinot Meunier und 20 % Pinot Noir zusammen.
David Biraud: „Goldene Farbe mit rötlichem Schimmer, fast schon „Oeil de perdrix“. Wirklich erstaunlich! Das ist vermutlich auf die Präsenz von Pinot Noir zurückzuführen, aber sicher auch auf den Reifegrad der Trauben und die Art, wie diese gepresst werden. Dieser Champagner ist am Gaumen straffer als der vorangegangene.“
Antoine Pétrus: Ein tanniniger Champagner, sehr weinig, sehr strukturiert. Angenehm trockenes Finale mit feinen Bitternoten, die den Appetit öffnen.“
D.B: „Ja, er besitzt eine salzig-mineralische Komponente, die ihn zu einem guten Tischbegleiter macht. Dieser Champagner verdient es, vom Küchenchef und Sommelier gemeinsam inszeniert zu werden.“
36 € die Flasche.
Françoise Bedel, „Vin secret“
Françoise Bedel ist eine begeisterte, wenn auch untypische Winzerin, die sehr persönliche Champagner herstellt, die man unbedingt einmal gekostet haben muss. Ihr Weingut, gelegen in Crouttes-sur-Marne, führt sie seit 1999 biodynamisch, wodurch es ihr gelungen ist, nicht nur den Boden wieder aufleben zu lassen, sondern gleichzeitig auch, im Laufe der Jahre, eine außerordentliche Mineralität zu entwickeln. Da die Wurzeln der Rebstöcke nicht mehr an der Oberfläche mit Dünger „ernährt“ werden, haben sie sich, auf der Suche nach Nährstoffen, immer tiefer in den Boden gegraben, bis zum felsigen Untergrund.
Die Cuvée Vin secret mit einer Dosage von 0,70 g/L geht aus Trauben hervor, die auf einem lehmhaltigen Boden wachsen, der besonders der Rebsorte Pinot meunier zugute kommt. Daher auch die sehr ungewöhnliche Assemblage dieses Champagners: 86 % Pinot meunier, 8 % Pinot noir und 6 % Chardonnay.
D.B.: „Intensive goldgelbe Farbe. In der Nase sehr üppig, was auf eine lange Maischegärung (4 Jahre) hindeutet. Die Textur des Champagners und seiner Bläschen ist cremiger und fülliger als die der ersten beiden Champagner.“
A.P.: „Dieser Champagner ist ausgereifter als die anderen, mit ausgeprägten Tertiäraromen: Mirabelle, Honig, Quitte, weißer Trüffel … Ein herbstlicher Tropfen und hervorragender Begleiter zu Geflügelbrust und Topinambur, Pastinakenpüree, Pfifferlingen … Kurz gesagt zu Wurzelgemüse und Pilzen.“
D.B.: „Dieser Champagner ist sehr gehaltvoll am Gaumen, passend zu Geflügel, Kalbsbries usw.“
A.P.: „Mir schwebt sogar ein guter Käse vor, ein nicht zu reifer Mont d’or zum Beispiel.“
29,70 € die Flasche.
Drappier „Brut nature“
Das Champagnerhaus Drappier in Urville, untergebracht in einem ehemaligen Zisterzienserkloster aus dem 12. Jh., wurde in der 2. Hälfte des 20. Jh. als persönlicher Hauslieferant von General de Gaulle bekannt, dem Drappier übrigens auch eine Cuvées gewidmet hat. Ein traditionsreiches, prestigeträchtiges Haus, das trotz der recht hohen Produktionsmengen den Weinbau nicht vernachlässigt.
Bei der Cuvée Brut nature 100 % Pinot noir wurde völlig auf die Dosage verzichtet. Es handelt sich also gewissermaßen um den Archetypus des extra-trockenen Champagners. Was bleibt ist nur der Restzuckergehalt, der unter 2 g/L liegt.
D. B.: „Intensive strohgelbe Farbe, schöner Glanz, anhaltende Perlung. Ein mineralischer Champagner mit einem ausgeprägt kalkigen Charakter, der in Richtung der beiden ersten verkosteten Champagner geht.“
A. P.: „Ja, der Drappier und der Larmendier-Bernier sind sicher bis hierher die erfrischendsten Champagner. Der Pinot noir bietet jedoch verglichen zum Chardonnay eine deutlichere Vinosität. Das ist also eine Frage des persönlichen Geschmacks.“
D. B.: „An der Gaumenmitte sehr füllig und angenehm. Da sieht man, dass der Pinot noir sehr zu einem runden Charakter tendiert. Perfekt zum Aperitif.“
Ein sehr interessanter Champagner voller Lebhaftigkeit und Typizität, der ebenfalls in der Variante „sans soufre“ (ohne Schwefel) erhältlich ist, was Liebhaber von so genannten Naturweinen sicher freuen wird.
25 € die Flasche.
Cédric Bouchard, Cuvée Rose de Jeanne.
Dieser junge, ebenso begeisterte wie zurückhaltende Winzer hat vermutlich nur einen einzigen Fehler: Er stellt einfach nicht genug Flaschen her! Seit 2000 bewirtschaftet Cédric Bouchard in Celles-sur-Ource im Department Aube, rund 30 km von Troyes entfernt, ein Weingut, oder vielmehr ein Mikro-Terroir, das er liebevoll wie einen Ziergarten pflegt. Die Erträge sind verschwindend gering und die Trauben sehr konzentriert, was sie aber nicht daran hindert, genügend Säure für eine gute Gärung mitzubringen. Sein Champagner Rose de Jeanne ist heute eine der schönsten Ausdrucksformen des Pinot noir in der gesamten Region. Gleichzeitig produziert Cédric Bouchard auch einen Chardonay, der es in sich hat, sowie einen sehr ungewöhnlichen Champagner auf der Grundlage von Pinot blanc (eine Rebsorte, die in der Champagne heute etwas in Vergessenheit geraten ist, die jedoch früher eine wichtige Rolle spielte). Cédric Bouchard ist ein Perfektionist, der sich, unterstützt von seiner Frau, das ganze Jahr über voll und ganz darauf konzentriert, ein paar Flaschen erstklassigen Champagner herzustellen. Sein einziger Luxus: Er gönnt sich im August 2 Wochen Urlaub in Las Vegas …
D. B.: „Der Champagner besitzt eine hellere Farbe als die anderen, obwohl es sich hier um einen reinen Pinot noir handelt. Beim Keltern geht Cédric Bouchard mit höchster Präzision vor. Farbe und Tannine zu erhalten ist offensichtlich nicht sein Ziel.“
A. P.: „Es handelt sich um einen jungen Champagner, und das in zweierlei Hinsicht: Zum einen bringt er die florale Komponente der Frucht voll zum Ausdruck, so dass man fast das Gefühl hat, man würde einen frischen Traubensaft genießen. Zum anderen wird dieser Champagner sein mineralisches Potential sicher erst in ein paar Jahren entfalten.“
D. B.: „Antoine hat das ganz richtig hervorgehoben. Dieser Champagner ist der erste unserer Liste, der eine solche Rückkehr zur ursprünglichen Frucht bietet: Man genießt das weiße Fruchtfleisch der Trauben in Reinform. Das ist sehr selten! Ich stelle mir diesen Champagner gut zu edlen Schalentieren vor, zu einem Hummer, begleitet von Brennnessel-Gnocchis zum Beispiel, um eine kleine säuerliche Note in diesen Akkord mit einzubringen.“
Ein feiner, ausgefeilter Champagner für pures Trinkvergnügen.
45 € die Flasche.
Jacquesson Cuvée millésimée 2002
Diese extra-trockene Jahrgangs-Cuvée, gekeltert aus den Trauben der schönsten Parzellen des Weinguts, wurde mit 3,5 g/L dosiert. Der Chardonnay stammt von den Premier Cru und Grand Cru Lagen in Avize und Chouilly, der Pinot noir aus den Lagen Dizy, Aÿ und Mareuil.
D. B.: „In der Nase hat er leicht empyreumatische Noten: Toast, Rauch und Torf. Wenn ein Champagner eine solche aromatische Fülle besitzt, bedeutet dies, dass das Ausgangsprodukt, also der Wein, bereits ungewöhnlich gut gewesen sein muss. Hinzu kommen sehr schöne Tannine. Mit diesem Champagner möchte man sich umgehend zu Tisch setzen.“
A. P.: „Mir schwebt dazu weißer Trüffel vor, oder ein Kalbsbries mit Splittern von Esskastanie …“
D. B.: „Eine schöne gebratene Poularde mit einem Gratin von Cévennen-Zwiebeln von Alain Passard, oder zur Not auch sein „Huhn im Heu“ mit Salzbutter: da hätten wir einen schönen Wein-Speise-Akkord.“ (Es sei an dieser Stelle hinzugefügt, dass David Biraud nicht nur ein erstklassiger Sommelier, sondern auch ein ausgezeichneter Koch ist.).
Über 60 € die Flasche.
Anselme Sélosse Cuvée Version Originale
Anselme Sélosse braucht man wohl nicht mehr vorzustellen. Alle, die das Glück hatten, einen seiner Champagner zu kosten, werden seinen Namen so schnell nicht vergessen, so sehr unterscheiden sich seine Champagner von anderen. Sie sind füllig, komplex, weinig und in ihrem Stil einfach einzigartig. Anselme Sélosse ist nicht nur eine herausragende Figur der Champagne, sondern einer der spannendsten Winzer in ganz Frankreich. Sein Ziel war und ist, mit seinem Champagner jenen typischen Kreidegeschmack der Region wiederzugeben, in der er aufgewachsen ist. Beraten von dem Agraringenieur Claude Bourguignon hat er alles daran gesetzt, seine Lagen in Avize, Cramant und Oger südlich von Épernay neu aufleben zu lassen.
David Biraud: „Was mir beim Champagner von Sélosse gefällt, ist nicht nur die sehr niedrige Dosage, sondern auch die Tatsache, dass unglaublich viel an ihnen dran ist. Sie vereinen alles, was beim Champagner wirklich wichtig ist: die aromatische Komplexität, die Frische, die sehr feinen Perlen und eine fantastische Textur. Was die Nachhaltigkeit am Gaumen betrifft, sprechen wir hier nicht mehr von Sekunden, wie bei den anderen Champagnern, sondern von mehren Minuten, so sehr bleiben diese Weine im Gaumen haften. Bei Sélosse haben wir es tatsächlich mit Wein zu tun … dass dieser perlt, ist fast schon Nebensache.“
Antoine Pétrus: „Was für Sélosse im Vordergrund steht, ist die Arbeit im Weinberg. Manche seiner Rebstöcke sind an die 100 Jahre alt, was natürlich zu einer ganz besonderen Komplexität führt. Anselme ist auch dafür bekannt, seinen Champagner in Eichenfässern auszubauen. Er tut dies allerdings nicht, um holzige Noten zu erzielen, sondern damit der Wein atmen und dabei seine Aromen entfalten kann.“
Sie haben verstanden: Ein in jeder Hinsicht außergewöhnlicher Champagner, den man folglich nicht überall bekommt …
Über 70 € die Flasche. (nur im Weinfachhandel erhältlich)
In der Gastronomieszene kennt man sie unter dem Spitznamen „Laurel et Hardy“. David Biraud und Antoine Pétrus bilden sicher das schönste Sommerlier-Tandem der französischen Hauptstadt. An Auszeichnungen mangelt es ihnen nicht (Bester Handwerker Frankreichs der eine, Bester Jung-Sommelier und Trophée Ruinart für den anderen). Vor der Öffentlichkeit treten sie gerne als komplementäres Paar auf, fröhlich und analytisch, gebildet und spontan, kompliziert und pädagogisch … Doch egal wie und vor wem sie sich ausdrücken, die Liebe zum Wein schwingt in allen ihren Erklärungen mit.
PRAKTISCHE HINWEISE
Pierre Larmendier-Bernier
43, rue du 28 août
51130 Vertus
Tel.: + 33 (0) 3 26 52 13 24
Champagne Jacquesson
68, rue du Colonel Fabien
51530 Dizy
Tel.: + 33 (0) 3 26 55 68 11
Françoise Bedel
71, Grande Rue
02310 Crouttes-sur-Marne
Tel.: + 33 (0) 3 23 82 15 80
Champagne Drappier
Rue des vignes
10200 Urville
Tel.: + 33 (0) 3 25 27 40 15
Cédric Bouchard
13, rue Vivier
10110 Celles-Sur-Ource
Tel.: + 33 (0) 3 25 29 84 56