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Berlin  

Reportage

Berlin, ewiges Bauhaus

D - Berlin
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Georges Rouzeau - 20-11-2009

20 Jahre nach dem Mauerfall befindet sich Berlin weiterhin im Umbau. Klassische Bauten, allen voran der Reichstag, erwachen zu neuem Leben, und die Stars der internationalen Architektur-Szene lassen ihrer Kreativität in der Hauptstadt freien Lauf.

In Berlin, dem ewigen Bauhaus, gibt es deshalb immer Neues zu entdecken. Falls Sie dafür nur zwei oder drei Tage Zeit haben, schlagen wir Ihnen hier eine Auswahl von Highlights vor.
 
In Berlins Prachtstraße Unter den Linden dröhnen unaufhörlich die Presslufthämmer, denn vor 44 Jahren hatte Ost-Berlin den größten Teil des historischen Stadtzentrums geerbt, das nach 1989 zur Großbaustelle wurde. Abgeschlossen sind die Arbeiten noch lange nicht. Aber die flächenmäßig größte Metropole des Kontinents lässt es sich gefallen. An der Spree mag man urbanistische Experimente - umstürzlerisch war man hier schließlich schon immer.

Vom Potsdamer Platz bis zum Botschaftsviertel sprießen wie von Zauberhand die Avantgarde-Monumente. Auch die klassischen Baudenkmäler erwachen zu neuem Leben so der von Sir Norman Foster restaurierte Reichstag oder das Zeughaus, umgebaut und erweitert von Ieoh Ming Pei, dem Architekten der Louvre-Pyramide.

Zwar kennt Berlin keine architektonische Einheit, aber gerade aus ihren Kontrasten zieht die Stadt eine ungeheure Energie und Kreativität, wie sie lange vom „Alternativ-Viertel" Kreuzberg verkörpert wurde. So wird die Stadt Sie durch ihre Sammlungen antiker Kunst genauso in ihren Bann ziehen wie durch ihre futuristischen Hochhaus-Riesen, ihre Baudenkmäler oder die zu Galerien umgebauten ehemaligen besetzten Häuser.
 
Unter den Linden
 
Natürlich beginnen wir unsere Entdeckungstour mit Berlins Prachtstraße Unter den Linden, die das historische Stadtzentrum durchquert. An der breiten Allee, die vom Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm im 17. Jh. angelegt wurde, entstanden im Laufe der Zeit viele berühmte Bauwerke, von denen einige vom Krieg verschont blieben.
 
Das Brandenburger Tor, Wahrzeichen Berlins und Symbol der deutschen Teilung und Wiedervereinigung, bildet den majestätischen Auftakt des Boulevards wie eine moderne Athener Akropolis. Bekrönt wird das Tor von der Quadriga (ein Werk von Johann Gottfried Schadow), einem Vierergespann, gelenkt von einer Siegesgöttin. Hitler, Experte für die Vereinnahmung von Symbolen, hatte sie nach Westen drehen lassen und damit seine Eroberungspläne deutlich gemacht.
 
Das Tor steht auf dem Pariser Platz, der seinen Namen nach der Einnahme von Paris durch die gegen Napoleon zusammengeschlossenen Armeen erhalten hatte. Nach dem Mauerfall wurden an diesem Platz, der bis dato als „diplomatischer Salon" Berlins galt, umfangreiche Rekonstruktionsarbeiten durchgeführt. So entstand hier 2002 auch die neue französische Botschaft, die von Christian de Portzamparc an Stelle des alten neo-klassizistischen, 1945 zerstörten Palasts errichtet wurde.
 
Die gegenüberliegende Fassade der DG Bank sieht auf den ersten Blick denkbar langweilig aus. Aber der Schein trügt! Im Gebäudeinneren hat der Amerikaner Frank Gehry alle gängigen Regeln gesprengt. Im Atrium erhebt sich eine Struktur aus Metall und Glas, über der eine geheimnisvolle Form schwebt ein Fisch, die perfekte Metapher für die Bewegung, meint der Schöpfer des Guggenheim-Museums in Bilbao. Die ungeheuer komplexe Dachkonstruktion aus Stahl und Glas erinnert in ihren Formen an die Strukturen einer Wabe.
 
Gleich nebenan fällt der Neubau der Akademie der Künste von Günter Behnisch ins Auge, ein Gebäude aus Glas, das genau an der Stelle des Vorgängerbaus errichtet wurde, einem Palais aus dem 18. Jh. von Ernst von Ihne.
 
Das lichtdurchflutete, luftige Atrium öffnet sich zur Cafeteria, zur Bibliothek und zur Buchhandlung, die über ein Netz aus Stegen und gläsernen Treppen zu erreichen sind.
 
Der Reichstag
 
Ganz in der Nähe des Brandenburger Tors erwartet Sie eine der meistbesuchten Attraktionen Berlins, vor der man schon ab 10 Uhr morgens mehr als eine Stunde anstehen muss! Der Reichstag wurde von Sir Norman Foster neu gestaltet und mit seiner berühmten Kuppel versehen, die man über eine spiralförmige Rampe erreicht. Nach Osten wie nach Westen hat man einen herrlichen Blick.
 
Friedrichstraße
 
An der ersten großen Kreuzung biegen Sie nach rechts in die Friedrichstraße ein, inzwischen die große Einkaufsstraße der Bezirks Mitte, dem historischen Stadtzentrum.
 
Nach der Jahrhundertwende zog es Besucher aller sozialen Schichten in ihre Cafés, Restaurants, Hotels, Kabaretts und Theater. Unter dem Nationalsozialismus kam der bunte Betrieb zum Erliegen, und die Straßenkämpfe 1945 zerstörten die Flaniermeile. An den Hausnummern 165 bis 167 haben trotzdem drei schöne Jugendstil-Fassaden überlebt; eine von ihnen, 1899 aus rotem Sandstein erbaut, ist wirklich einen Blick wert.
 
Lassen Sie sich danach einfach mit dem Strom der Touristen und gehetzten Berliner treiben, die es zum Shoppen zieht in das Quartier 207, den Glasbau der Galeries Lafayette von Jean Nouvel, in das Quartier 206, dessen Fassade von Ieoh Ming Pei gestaltet wurde, oder in das Quartier 205 gebaut vom Kölner Architekturbüro OM Ungers. All das blendet, schillert, überrascht, aber einen wirklich tiefen Eindruck macht es nicht. Eine Empfangsdame empfiehlt uns, bei Nacht zurückzukommen, wenn das Spiel der Lichter die Fassaden verwandelt.
 
Checkpoint Charlie
 
Am Ende der Friedrichstraße bemerkt man eine mitten auf der Straße errichtete kleine weiße Baracke – eine Nachbildung des Wachhäuschens vom Checkpoint Charlie, des einzigen Übergangs (zusammen mit dem Bahnhof Friedrichstraße) zwischen dem Ost- und Westteil der Stadt. Ein falscher amerikanischer Soldat wirft sich gerade für die Fotoapparate in Positur, als ihm eine italienische Touristin in die Arme fällt. So liegen in der Geschichte Tragik und Farce nahe beieinander …
 
Besuchen Sie aber trotzdem das Mauermuseum Haus am Checkpoint Charlie, ein kleines, aus einem Verein hervorgegangenes Privatmuseum, das ein Sammelsurium erstaunlicher Dokumente zeigt und insbesondere die abenteuerlichen Mittel und Wege der Flucht in den Westen dokumentiert. Hier wird deutlich, wie tragisch sich die Mauer auf das Leben der Stadtbewohner auswirkte.
 
Die unheilvolle Grenze forderte am 6. Februar 1989 ihr letztes Opfer, einen jungen Mann namens Chris Gueffroy.
 
 
Gendarmenmarkt
 
Gelassener und weniger kommerziell geht es dann am Gendarmenmarkt zu, unbestritten einer der schönsten Plätze Berlins.
 
An dem vom Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm angelegten Platz rahmen die Zwillingskirchen Französischer Dom und Deutscher Dom das herrliche, 1820 von Schinkel erbaute Schauspielhaus ein.
 
Die nach der Aufhebung des Edikts von Nantes nach Brandenburg geflüchteten französischen Hugenotten gehörten zu den ersten Bewohnern des Viertels. Ihr Einfluss war beträchtlich, brachten sie doch neue Berufe genauso mit wie neue Tänze und selbst neue Obst- und Gemüsesorten.
 
Der ideale Ort für eine Mittagspause, einen Kaffee oder ein Nickerchen in einem Liegestuhl im Schatten der Bäume. Am Platz steht sogar ein „Café Achteck“ vom Beginn des letzten Jahrhundert, eine reich dekorierte gusseiserne Bedürfnisanstalt, die gerade neu bemalt wurde.
 
Forum Fridericianum
 
Wieder Unter den Linden, stehen wir auf dem Bebelplatz, dem Zentrum des Forum Fridericianum, des großen städtebaulichen Projekts von Friedrich II., das eine Oper, einen neuen Palast und eine Akademie der Schönen Künste vorsah. Nur die Staatsoper Unter den Linden wurde nach den Plänen des Herrschers realisiert. Der elegante Bau mit korinthischem Portikus, 1741 bis 1743 von Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff errichtet, war das erste freistehende, also von der Herrscherresidenz räumlich getrennte Konzerthaus. In der allgemein zugänglichen Cafeteria kann der Besucher die herrlichen Schnitzereien bewundern und – wer weiß? – vielleicht ein paar Worte mit Operndirektor Daniel Barenboim wechseln.
 
An der am Platz für die Akademie vorgesehenen Stelle steht die Alte Bibliothek, wegen ihrer geschwungenen Formen von den Berlinern „Kommode“ genannt.Einer der wichtigsten katholischen Sakralbauten der Stadt ist die Sankt-Hedwigs-Kathedrale, die dem römischen Pantheon nachempfunden ist. Am 11 Mai 1933 wurde der Bebelplatz zum Schauplatz der nationalsozialistischen Bücherverbrennung, bei der 20 000 Bücher als „undeutsches Schrifttum“ verbrannt wurden. Ein Denkmal in Form einer leeren unterirdischen Bibliothek, die durch eine Glasplatte einsehbar ist, erinnert an dieses düstere Kapitel.
 
Jetzt überqueren wir Unter den Linden – Vorsicht, nicht in eine Baugrube fallen – und finden uns vor dem schönsten Barockbau Berlins wieder, dem Zeughaus, dessen rosa Farbgebung sehr italienisch anmutet. Gewöhnlich präsentiert hier das Deutsche Historische Museum, das gerade renoviert wird, seine Sammlungen. Aber auch die modernen Umbauten des Architekten I.M. Pei ziehen die Besucher an und der gläserne Treppenturm ist einen Umweg wert. Im Gebäude befindet sich außerdem ein Café mit einer Terrasse zur Spree hinaus, auf der man angenehm sitzt und zu jeder Tageszeit eine Kleinigkeit zu essen bekommt.
 
Museumsinsel
 
Können Sie noch? Wir wollen es hoffen, denn auf uns wartet eine der wichtigsten Etappen unserer Tour, die Museumsinsel. Um Größe und Macht des jungen deutschen Kaiserreiches zu zeigen, wurde auf der Spreeinsel im 19. Jh. eine ganze Reihe klassizistischer Bauten errichtet. Vor dem Krieg bildeten diese in aller Bescheidenheit eine der größten Kunstsammlungen der Welt. Hitler, ein gescheiterter Maler, der das Talent anderer nicht ertrug, lichtete mehrere Sammlungen der damaligen zeitgenössischen Kunst, und danach forderten die Bombardierungen einen schweren Tribut.
 
Trotzdem wird das Pergamonmuseum, das die Kunst der Antike in Originalgröße präsentiert, für jeden Kunstliebhaber zu einem einschneidenden Erlebnis. Denn der Große Altar von Pergamon, einer griechischen Stadt in Kleinasien und das Markttor von Milet, eines der Glanzstücke römischer Kunst, sind in den monumentalen Ausstellungsräumen im Maßstab 1:1 rekonstruiert. Hollywood und Brad Pitt können einpacken, nie werden digitale Tricks sich mit der Erhabenheit der antiken Kunst messen können. Der Rest der Sammlungen ist entsprechend – insbesondere das Ischtar-Tor von Babylon im Vorderasiatischen Museum. Prachtvoll ist auch die Sammlung des Museums für Islamische Kunst.
 
Wenn Sie es schaffen (solche Besichtungen sind ja „Zeitfresser“), sollten Sie sich auch das Alte Museum, die Alte Nationalgalerie (die gerade eine Goya-Retrospektive zeigt) und das Bodemuseum ansehen. Erschöpft schleppen Sie sich danach zum Berliner Dom, wo sie eine Verschnaufpause einlegen, um die reichen Innendekorationen zu bewundern und sich in der Hohenzollerngruft zu sammeln.
 
Potsdamer Platz : Das neue Berlin
 
Heute ragt eine Reihe atemberaubender Hochhäuser an diesem Platz in die Höhe, der im Kalten Krieg und im Schatten der Mauer ein halbes Jahrhundert lang nichts als Einöde war. In der Zwischenkriegszeit gehörte er zu den meistbefahrenen Kreuzungen Europas, so dass hier die ersten Ampelanlagen des alten Kontinents installiert wurden. Heute ist er das futuristische Schaufenster des wiedervereinigten Deutschlands, wo Großunternehmen gern ihre Firmensitze errichten. Business, Shopping, Entertainment lauten die Schlagworte des Areals, mit dessen Masterplan Renzo Piano beauftragt war. Drei deutlich unterschiedene Ensembles teilen sich den Raum.
 
Daimler-City (1998) ist das Ergebnis der Zusammenarbeit von Renzo Piano selbst (einem der Architekten des Centre Pompidou in Paris), Rafael Moneo (der den Kursaal von San Sebastián baute) und Arata Isozaki. Zu dem Ensemble gehören die DaimlerChrylser Contemporary, eine Galerie für abstrakte Kunst, ein Brunnen, ein großes Einkaufszentrum und das Weinhaus Huth (1912), das einzige der alten Gebäude des Platzes, das bis heute überlebt hat.
 
Helmut Jahn, ein amerikanischer Architekt deutscher Abstammung (der auch die City Spire in New York baute), hat das spektakulärste der neuen Projekte konzipiert, das Sony Center, den europäischen Sitz der berühmten Firma. Der runde Platz, umgeben von transparenten Häusern, beeindruckt mit seiner gigantischen Dachkonstruktion aus Glas und Stoffbahnen, die wie ein gigantischer Schirm von Stahlseilen getragen werden. Restaurants, Geschäfte, Filmmuseum (ein Multiplex-Kino) und Cafés mit großen Terrassen locken zahlreiche Besucher an.
 
Das letzte Projekt, das Beisheim Center, ist noch nicht abgeschlossen. Ein Berliner Freundin versichert uns, dass das Viertel, bislang bei den Berlinern, die es ein wenig kalt finden, nicht sehr beliebt, inzwischen anfange, sich abends zu beleben.
 
 
 
 
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