Georges Rouzeau - 21-02-2011
Sie ist weniger prätentiös als Antwerpen und weniger museifiziert als Brügge: Zwischen historischen Gildehäusern und Designmuseum pflegt die Stadt Gent ihre Kontraste. Ein gut gehüteter Geheimtipp für einen Wochenendausflug.
Gent, ein lebendiger Brueghel!
Wenn man durch die Straßen von Gent spaziert, fühlt man sich wie in einem Gemälde eines alten flämischen Meisters, musikalisch untermalt vom Klang der 52 Glocken des Glockenspiels … Und wenn dann noch der Schnee in dichten Flocken fällt, ist Brueghel der Ältere nicht weit und die Pflasterstraßen verwandelt sich in ein mittelalterliches Genrebild. Touristen halten sich, so scheint es, nur länger selten in der Geburtsstadt Karls V. auf. Eilig hasten sie weiter nach Brügge. Dennoch braucht Gent mit seiner langen Geschichte und seinen Baudenkmälern die kokette Schwester um nichts zu beneiden.
Unser maßgeschneidertes Besichtigungsprogramm
Mit ihren Kanälen, ihren schönen Gildehäusern mit reich verzierten Treppengiebeln, unzähligen Kirchen, einem historischen Marktplatz und einem Belfried (Glockenturm) verdient die geistige Hochburg Flanderns ebenfalls den Beinamen Venedig des Nordens – im Fall von Gent bei weitem nicht überstrapaziert. Von der St. Michaels-brücke über die Leie hat der Anblick der Fassaden und Baudenkmäler der Altstadt direkt etwas Ergreifendes und am Abend, wenn die Bauwerke angestrahlt werden, wirkt der Zauber noch intensiver. Was Kunst, Galerien und künstlerische Tradition anbelangt, steht Gent Antwerpen in nichts nach und auch in Sachen Shopping kann sich die Stadt sehen lassen, insbesondere dank der Markenläden in der VeldStraat und der Luxusboutiquen in den umliegenden Straßen. Von der Dynamik her lässt sich Gent sogar fast mit Brüssel vergleichen: Sie ist mit 65.000 Studenten die größte Universitätsstadt Belgiens und besitzt an die 500 Kneipen, Bars und Cafés. Im Bemühen um nachhaltige Entwicklung und Reduzierung der Treibhausgase (insbesondere derer, die unsere Freunde die Rinder so großzügig ausstoßen) führte die Stadtverwaltung einen „vegetarischen Donnerstag“ in ihren Kantinen ein. Inzwischen sind mehrere Restaurants diesem Vorbild gefolgt und bieten ein fleischfreies Menü an.
Im Folgenden wollen wir Ihnen ein paar von uns getestete Adressen für einen gelungenen Wocheendtrip vorstellen: ein Hotel mit Blick auf den alten Hafen, ein Museum mit Ensor-Ausstellung und ein Sternerestaurant …
Eine sehr gelungene Ausstellung im Museum für Schöne Künste: Hareng saur - Ensor und die zeitgenössische Kunst
Im Rahmen der Veranstaltungen anlässlich der 150. Geburtstags von James Ensor zeigen MSK und SMAK (Museum für Schöne Künste und Städtisches Museum für Aktuelle Kunst) eine sehr gelungene Ausstellung mit dem Titel Hareng saur - Ensor und die zeitgenössische Kunst, der auf eines der bekanntesten Bilder des Künstlers anspielt: Skelette im Streit um seinen sauren Hering. Ziel der Ausstellung ist es, das Werk des Malers aus Ostende mit seiner zeitgenössischen Nachwelt zu konfrontieren. Tatsächlich ist der Einfluss Ensors, insbesondere in den nördlichen Ländern aber auch in den Vereinigten Staaten, sehr viel größer als man es hätte vermuten können. So stößt man in der Ausstellung zum Beispiel auf eine wichtige Figur der kalifornischen Punkbewegung, den Maler und Zeichner Raymond Pettibon, der u.a. die Plattencover von Black Flag, Sonic Youth und Minutemen entworfen hat. Außerdem ist Ensor natürlich nach wie vor eine wichtige Referenz für alle jungen belgischen Künstler. Die gelungene Inszenierung dieser Konfrontation führt zu einem interessanten und anregenden Dialog der Werke Ensors mit denen seiner zahlreichen Bewunderer.
Nagelneu: dasSTAM
Das im Herbst 2010 eröffnete StadsmuseumGent, widmet sich, wie der Name vermuten lässt, der Geschichte der Stadt. Dazu wurde eine existierende Einrichtung, das Bijlokemuseum, ein bemerkenswerter Gebäudekomplex aus Backstein (14e-17e s.), Teil eines im 13. Jh. von Johanna von Flandern gegründeten Zisterzienserklosters, um eine moderne Struktur erweitert. Jungfräulich weiße Passerellen sorgen für den Übergang vom modernen Anbau, einem Werk des Architekten Koen Van Nieuwenhuyse, zu den alten Gebäuden aus rotem Backstein. Die zeitgenössischen Ausstellungsräume sind ganz auf Interaktivität ausgerichtet. Den Boden ziert zum Beispiel eine riesige Karte der Stadt Gent als Siebdruck auf einer Glasplatte. Mehr noch als der heutige Aspekt fasziniert jedoch die Geschichte der Stadt, die es im Mittelalter dank des Handels mit Tuch und Getreide zu großem Reichtum brachte. Damals war Gent nach Paris die zweitgrößte Stadt Europas.
Von der Antike bis in 19. Jh. illustrieren zahlreiche archäologische Fundstücke sowie Gemälde, Kunstwerke und Kunsthandwerk illustrieren die reiche Geschichte und das einstige Prestige der flämischen Stadt. Der schönste Saal der ehemaligen Klostergebäude ist nach wie vor das Refektorium aus dem 14. Jh. (im ersten Stock) mit seinem herrlichen, holzvertäfelten Deckengewölbe und seinen Wandmalereien, darunter ein Abendmahl. In der Mitte des Saals ist der Gisant (liegende Grabfigur) eines 1232 verstorbenen Genter Schlossherren zu bewundern. Die andächtige Atmosphäre wird durch keinerlei dekoratives Zierwerk getrübt. Die Bijloke, wie die Genter diesen Ort nennen, beherbergt zahlreiche kulturelle Aktivitäten. Hier probt auch die Balletttruppe des Genter Choreographen Alain Platel, Les Ballets C de la B.
Zwei neue Ausstellungen im Design-Museum
In der Cafeteria des STAM (Stadtmuseum) haben Sie vielleicht für einen Moment auf einem Stuhl „.03“ von Maarten Van Severen gesessen, dem man auch im Café Beaubourg im Pariser Centre Pompidou begegnet. Das Design-Museum widmet diesem Stuhl, einer echten „Ikone des internationalen Designs“, entworfen von dem 2005 frühzeitig verstorbenen Genter Designer Van Severen, nun eine Ausstellung. Anhand von Skizzen, Prototypen, Fotos und Filmen kann der Besucher den Kreationsprozess nachvollziehen, der vom Stuhl Nr.1 im Jahr 1986 bis zur letzten Version des Jahres 1998 führte, die dann von der berühmter Schweizer Firma Vitra in Produktion genommen wurde. Die Vorzüge dieses Stuhl - Solidität, Schlichtheit und Komfort – machten ihn zu einem großen Verkaufserfolg. Vor kurzem hielt der .03 sogar Einzug in die St.-Bavo-Kathedrale. Wer mit modernen Werkstoffen nichts am Hut hat, kann im oberen Stockwerk eine andere temporäre Ausstellung besichtigen: Art Nouveau und Art Déco in den Niederlanden – eine Auswahl von Stücken der Sammlung des Drents Museum Assen. Sie bietet Gelegenheit, sich mit einer Kunstperiode vertraut zu machen, die oft als „zweites Goldenes Zeitalter der Niederlande“ bezeichnet wird, da sie unglaublich viele bemerkenswerte Talente und Werke hervorbrachte. Gezeigt werden Möbel, Keramik und Goldschmiedearbeiten von Hendrik Petrus Berlage, Johan Thorn Prikker, Gerrit Rietveld, Willem Gispen und anderen Künstlern und Kunsthandwerkern, die es wiederzuentdecken gilt.
Ein neues Restaurant: Bord’eau
Gegenüber bzw. nicht weit vom Design-Museum befindet sich der alte Fischmarkt, an dem im November 2010 ein neues Restaurant eröffnet hat, das Bord’eau. Der Name (am Ufer) könnte treffender nicht sein. Der lange Saal unter einem Dachgerüst aus Metall im Eiffel-Stil besitzt eine wunderbare Glaswand, so dass man praktisch direkt am Ufer der Leie sitzt. Chefkoch ist der Franzose Stéphane Toublanc. Noch serviert er eine Küche im gehobenen Brasserie-Stil, aber diese wird sich sicher mehr und mehr in Richtung Meeres-Gastronomie entwickeln, denn der aus der Bretagne stammende Koch lässt sich von seinem eigenen Nordseefischer beliefern. Wolfsbarsch von der Angel, Bomba-Reis Risotto, Butternuss und Kalbsjus (28 €); Seezuge Müllerinnen Art, Pommes Frites und Salat (32 €); Glattbutt, Kartoffelmousseline, junger Spinat, Muscheln (26 €). Details und Beilagen sind mit Sorgfalt zubereitet, wie zum Beispiel die leckeren dicken Pommes Frites, die in Kalbsfond gegart werden. Die Nachspeisen sind ganz besonders lecker, wie der Nusskuchen mit Maroneneis und Aprikosenchutney (11 €) oder auch der Tiramisu nach Art von Stéphane Toublan: Mascarponecreme, Kaffeeeis und Amarettosabayon (9 €).
Ein klassisches Restaurant: Allegro Moderato
Am Korenlei, dem Körnerufer, bleibt man unweigerlich vor der Fassade dieses schönen Hauses aus dem 18. Jh. stehen, in dem früher die Gilde der Freien Schiffer untergebracht war. Im Inneren befinden sich zwei lang gestreckte Säle mit Parkettboden und holzvertäfelten Wänden: der eine wird erhellt von zwei großen Fenstern, die den Blick auf den Graslei freigeben, der zweite muss sich mit Kerzenlicht begnügen, in dem das Rokoko-Dekor dann doch ein wenig überladen wirkt. Aber das soll uns nicht stören, denn hier wird schließlich eine der schmackhaftesten und feinsten Küchen Gents serviert: Klassische französische Gastronomie mit Produkten der Saison (Wintergemüse, Pilze und Wildbrett) und ein paar transalpinen Exkursen. Wir empfehlen wärmstens den jungen Steinbutt mit Wildpilzen und Kartoffelmousseline sowie die gebratene Gänseleber mit Quitten und Kohlrabi-Chips.
Ein Stern: C-Jean
Neben der St. Nikolauskirche verbirgt sich in einem alten Haus hinter einem eher unscheinbaren Eingang ein kleiner, schlicht gestalteter Restaurantsaal mit gerade mal 20 Plätzen. Die Wand ziert eine große Fotografie mit einer recht unkonventionellen Darstellung des Abendmahls, die höchste Genüsse in Aussicht stellt. Das 2008 mit einem Stern ausgezeichnete Restaurant
C-Jean (Abkürzung des Vorgängerrestaurants Chez Jean) wird von einem Binom geführt:
Filip Van Thuyne in der Küche und
Jason Blanckaert im Saal. Beide sind Absolventen der renommierten Hotelfachschule Ter Duinen in Coxyde an der belgischen Küste. Nachdem er lange Zeit seine kulinarische Inspiration im Mittelmeerraum fand, hat sich Filip heute einer sachlicheren, „armen“, ebenso schlichten wie technischen Küche zugewandt, deren Grundlage lokale Produkte bilden. Er macht keinen Hehl daraus, sich am nordischen Vorbild des Chefkochs des
Noma in Kopenhagen, René Redzepi zu orientieren: Rohes, Grünes, Wurzeln und Pulver, Fisch und Meeresfrüchte … das alles lässt fast an ein imaginäres Japan denken. Zahlreiche gewagte Akkorde, die den Gaumen überraschen.
Marriott Gent: Zimmer mit Aussicht
Das 2007 eröffnete Hotel
Ghent Marriott liegt mitten in der Altstadt am Ufer der Leie. Seine resolut zeitgenössische Architektur besticht auf den ersten Blick: monumentale Fensterfront, transparenter Fahrstuhl, Foyer im Lounge-Stil mit Piano-Bar, offene Galerien, die zu den Zimmern führen … Das Hotel besitzt ein paar Zimmer mit Blick auf Korenlei und Graslei. Bestehen Sie darauf, ein solches zu bekommen! Der Blick auf die Gildehäuser am alten Hafen ist ein einmaliges Schauspiel: Haus der Mauerer aus dem 16. Jh., Haus der Getreidemesser aus dem 15. Jh., Haus der Freien Schiffer, dessen herrliche Fassade von einem Giebel aus dem Jahr 1531 überragt wird, der die weichen Formen der Brabanter Gotik aufweist. Vom Hotel aus sind Sie in drei Minuten beim Restaurant
Bord’eau, direkt gegenüber des
Belga Queen (
www.belgaqueen.be), und in zwei Minuten beim
Design-Museum. Zimmer ab 129 €.
PRAKTISCHE INFORMATIONEN
Was besichtigen?
MSK Gent & SMAK (Museum für Schöne Künste und Stadtmuseum für Aktuelle Kunst)
Citadel park
9000 Gent
STAM (Stadtmuseum)
Bijlokesite
Godshuizenlaan 2
9000 Gent
Design-Museum
Jan Breydelstraat 5
9000 Gent
Wo essen?
Oude Visminj / Bord’eau
St. Veerleplein 5,
9000 Gent
Tel.: +00 32 9 223 20 00
Menü zu 35 €.
Allegro Moderato
Korenlei 7
9000 Gent
Tel.: 09 233 23 32
Lunch: 19,5 € - Menü: 48 €/ 58 €.
C-Jean
Cataloniëstraat 3 B
9000 Gent
Tel.: 0 9 223 30 40
Lunch: 35 € - Menü: 65 €/ 85 €
Wo übernachten?
Ghent Marriott Hotel
Korenlei 10
9000 Ghent, Belgium
Tel.: 09 233 93 93