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Sei es Montaigne, Stendhal oder der romantische Goethe, Rom hat – besonders in der literarischen Welt – stets die Aufmerksamkeit des Auslands auf sich gezogen. Die widersprüchliche Wirklichkeit der Stadt tritt jedoch am plastischsten in den Zeilen der in Rom beheimateten Schriftsteller Giuseppe Gioacchino Belli und Alberto Moravia zu Tage.

In der Literaturgeschichte nimmt Rom einen bedeutenden Platz ein. Zwischen dem 3. Jh. v. Chr. bis zur Einnahme und Plünderung Roms durch die Goten im Jahre 410 n. Chr. entstanden in lateinischer Sprache alle Literaturgattungen. Zur Erinnerung einige Namen: Ennius (239-169 v. Chr.), Vergil (70-19 v. Chr.), Lucanus (39-65 n. Chr.) und Statius (40-96 n. Chr.) mit ihren Epen, Plautus (um 250-184 v. Chr.) und Terentius Afer (um 184-159 v. Chr.) mit ihren Komödien, Lucilius (um 168-102 v. Chr.), Horaz (65-8 v. Chr.) und Juvenal (2. Jh. n. Chr.) mit Satiren, Lucretius (um 98-55 v. Chr.) mit Lehrgedichten, Catull (87-54 v. Chr.), Properz (97-16 v. Chr.), Tibullus (55-19 v. Chr.) und Ovid (43 v. Chr.-17 n. Chr.) mit ihren Elegien, Cicero (106-43 v. Chr.) und Seneca (4 v. Chr.-65 n. Chr.) mit Prosa (rhetorische und philosophische Schriften), Petronius (1. Jh. n. Chr.) und Apuleius (125-180 n. Chr.) mit Romanen.

Schriftsteller, die insbesondere über Rom und sein Imperium berichteten, waren Historiker. Cäsar (100-44 v. Chr.) schrieb Kommentare zu seinen Feldzügen in Gallien (De Bello Gallico) und zum Bürgerkrieg (De Bello civili); von Sallust (86-35 v. Chr.) sind zwei Monografien erhalten, Über den Jugurthinischen Krieg (in Numidien von 111-105 v. Chr.) und Über die Verschwörung des Catilina (misslungener Staatsstreich 63 v. Chr., von dem damaligen Konsul Cicero unterdrückt). Zu diesem Thema sind von Cicero, der Profiteure und Aufrührer an den Pranger stellte, die Catilinarischen Reden erhalten, die mit seinen anderen Reden, z. B. Pro Murena und Pro Milone, das politische Klima zu Ende der römischen Republik vortrefflich schildern.

Zu den großen Schriftstellern von Annalen gehören Titus Livius (59 v. Chr.-17 n. Chr.), der in den 142 Büchern seines Werkes Libri Ab Urbe Condita die Geschichte Roms von seiner Gründung bis zum Jahr 9 v. Chr. niederschrieb (etwa 30 Bücher sind unversehrt erhalten geblieben), und Tacitus (um 55-117 n. Chr.), der die römische Kaiserzeit ab dem Tod des Augustus bis zum Tod Neros (Annales) und von Galba bis Domitian (Historiae) behandelte.

Neben diesen „offiziellen“ Geschichtsschreibern sollten Sueton (etwa 70-125 n. Chr.) – Biograf der Kaiser von Cäsar bis Domitian (De Vita Caesarum) – und Plinius d. Jüngere (um 62-113 n. Chr.) – seine Briefwechsel, u. a. mit Kaiser Trajan, geben ein anschauliches Bild der römischen Oberschicht – erwähnt werden. In seinem Satyricon (der gleichnamige Film von Fellini ist bemerkenswert) übermittelt uns Petronius eine beißende Schilderung des lasterhaft ausschweifenden Lebens in Rom.

Im Mittelalter ließen sich die bedeutendsten Schriftsteller in anderen Städten nieder (hauptsächlich in Florenz), und erst durch die von Pomponius Laetus (1428-1497) gegründete Römische Akademie und vor allem durch die 1690 ins Leben gerufene literarische Akademie Arcadia, die sich auf dem Gianicolo niedergelassen hatte, profilierte sich Rom wieder als literarisches Zentrum. Besonders erwähnenswerte Mitglieder der Arcadia waren Giambattista Felice Zappi (1667-1719) und seine Gattin Faustina Maratti (1680-1745). Die „Pastori“ (Hirten) der Arcadia – so nannten sich die Mitglieder der Gruppe – vertraten stilistische Konzepte der petrarkischen Tradition (ihr Vorbild war Petrarcas Canzoniere), die sie der „barocken Monarchie des schlechten Geschmacks“ entgegenstellten. Ebenfalls Vertreter dieser literarischen Strömung waren Paolo Rolli (1687-1785) und Pietro Metastasio (1698-1782), dessen melodramatische Operntexte (u. a. Catone in Utica und Didone abbandonata) weit über Italiens Grenzen hinaus Erfolg hatten. Metastasio ging 1730 als Hofdichter nach Wien.

Im Zeitalter der Aufklärung drängten Mailand und Venedig Rom in eine Außenseiterrolle. Die Literaten selbst jedoch waren sich der Einzigartigkeit der Stadt im Vergleich zu den übrigen kulturellen Zentren Europas und auch Italiens durchaus bewusst. Diese Besonderheit der Stadt fand in enthusiastischen Urteilen, aber auch in unbändiger, heftiger Kritik ihren Niederschlag. Für Goethe bedeutete der Rom- und Italienaufenthalt den Beginn eines neuen Lebensabschnitts und einer neuen Schaffensphase (Italienreise). Zwar missfiel ihm das chaotische Durcheinander und der Höllenlärm des Karnevals auf der Via del Corso, dennoch betrachtete er den Tag, als er in Rom ankam, als den Tag seiner Neugeburt. Mark Twain, engagierter Verfechter des Rechts auf Freiheit, Gleichheit und Glück, drei nach der Unabhängigkeitserklärung gottgegebene Rechte, sah im Papsttum und in dem vom Aberglauben diktierten Verhalten, auf das er in Rom traf, Zeichen des Obskurantismus (Reise durch die Alte Welt). Leopardi war von Rom enttäuscht: Er fand die Stadt verschlossen, geistig verarmt und von „abstoßenden“ Frauen bevölkert.

In der Romantik wurde neben zahlreichen anderen Themenbereichen auch der Dialektliteratur ein bedeutender Platz eingeräumt. Giuseppe Gioacchino Belli (1791-1863) schrieb mehr als 2 000 Sonette: Seine „Klinggedichte“ in der Sprache und mit dem Wortschatz des einfachen Volkes stellten die ungeschminkte römische Realität dar, aufgeteilt in Klerus und Adel auf der einen und dem Plebs auf der anderen Seite. Ein weiterer römischer Autor, der Roms Bevölkerung auf zuweilen sogar schrille Art zu Wort kommen lässt, war der Mundartdichter Carlo Alberto Salustri (Trilussa, 1871-1950), der unter dem faschistischen Regime zum Sprachrohr der Unzufriedenheit im Volk avancierte.

Gabriele D’Annunzio stellte das Rom des 16. Jh.s in den Mittelpunkt seines Romans Lust (Il Piacere, 1889): Papsthöfe und Barockpaläste, deren Ausschmückung und Pracht in allen Einzelheiten beschrieben werden, bilden den Rahmen für elegante Empfänge und üppige Festessen des Stadtadels – ein faszinierendes Porträt der damaligen Gesellschaft.

Im Kreise des Mitarbeiterstabs der Literaturzeitschrift La Ronda (1919-1923) nahmen Vincenzo Cardarelli (1887-1959) und Antonio Baldini (1889-1962), die eine privilegierte Beziehung zu Rom unterhielten, eine besondere Stellung ein.

Alberto Moravia (1907-1990) beschrieb in seinen Romanen Die Gleichgültigen und La noia die Apathie und die soziale Unfähigkeit des römischen Bürgertums; in Die Mädchen vom Tiber, Die Römerin und Cesira (Filmadaptation von Vittorio De Sica) analysiert er minutiös die untersten Gesellschaftsschichten.

Der in Mailand geborene und aufgewachsene Carlo Emilio Gadda (1893-1973) wurde berühmt durch seinen Roman Die gräßliche Bescherung in der Via Merulana (1957), eine bestürzende und äußerst realistische Darstellung der faschistischen Hauptstadt (die Handlung quer durch alle Gesellschaftsschichten spielt im Jahre 1927). Gadda verwendete für diesen Roman – in Zusammenarbeit mit sprachkundigen Freunden – die römische Mundart und schuf eine neue, kühne und überraschend originelle Sprachmischung.

Heftig kritisiert, aber zweifellos eine der prominentesten Persönlichkeiten im kulturellen Leben der Jahre 1960-1970 war Pier Paolo Pasolini (geb. 1922 in Bologna, 1975 in Ostia ermordet), zugleich Dichter, Schriftsteller, Gesellschaftskritiker, Regisseur und Dramaturg. In seinen Romanen Ragazzi di vita und Una vita violenta zeichnete er ein extrem düsteres Bild der untersten römischen Gesellschaftsschichten.


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